Die Geschichte der Transplantation

Erst zur Mitte des 20. Jahrhunderts war eine solche medizinische Kenntnis erarbeitet worden, dass Organtransplantationen systematisch als Option einer Lebensverlängerung in Betracht kamen. Um ein Organ erfolgreich zu transplantieren, waren Kenntnisse mehrerer medizinischer Forschungsdisziplinen vonnöten:

Die Entwicklung der Nierentransplantation begann 1880. Zu Beginn sahen die damaligen Wissenschaftler in der Transplantation von Organen eine ideale Therapiemöglichkeit, doch erst die nächsten forschungsintensiven Jahrzehnte bis 1930 brachten erforderliches Grundlagenwissen. Carrel erkannte zu Beginn des 20. Jahrhunderts, dass die Nierentransplantation aus chirurgischer Sicht beherrschbar war; das oftmalige Scheitern einer Nierentransplantation mußte anderen Faktoren geschuldet sein. Zwar wurden Abwehrreaktionen bereits beschrieben, ihre Mechanismen jedoch blieben lange Zeit unbekannt.

Anfang des 20. Jahrhunderts waren die Kenntnisse in der Immunologie gerade soweit, dass Landsteiner die Blutgruppen mit ihren Blutgruppenantigenen entdeckt hatte, so dass die Kompatibilität bei Bluttransfusionen gegeben war. Allmählich ging man dann dazu über, auch bei Organtransplantationen eine Blutgruppenübereinstimmung als Aspekt der Gewebeverträglichkeit zu sehen und diese ab 1918 zu fordern.

Um der Abstoßungsreaktion eines transplantierten Organs beim Empfänger Herr zu werden, wurden in der damaligen Zeit folgende Kriterien berücksichtigt:

Neben den mangelnden Kenntnissen der Immunologie führte in den frühen Jahren auch der Mangel an Organen zum Scheitern von Nierentransplantationen. Erst seit die Intensivmedizin Mitte des 20. Jahrhunderts den Hirntod neben dem lange anerkannten Herzstillstand als Tod eines Menschen definierte, konnte auf postmortal gewonnene Spenderorgane zurückgegriffen werden. Dies wurde auch dadurch erleichtert, dass die Intensivmedizin ab dieser Zeit in der Lage war, Zellen und Organe durch künstliche Beatmung eines Spenders für eine gewisse Zeit über den Todeszeitpunkt hinaus am Leben zu erhalten.

Erst im Zweiten Weltkrieg (1944) gelang es dem Biologen Medawar, den immunologischen Vorgang bei Transplantationsabstoßungen nachzuweisen, indem er bestimmte Blutzellen als Verursacher der Abstoßungsreaktion beim Empfänger identifizierte. Erst seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderte hatte Immunologie die erforderlichen Erkenntnisse gewonnen, um den Empfänger und das Transplantat besser auf den Eingriff therapeutisch vorzubereiten, und so allmählich die immunologische Abstoßungsreaktion des Organtransplantats zu beherrschen. 1961 war das erste Medikament zur Immunsuppression des Empfängers auf dem Markt, das noch heute weltweit eingesetzt wird.

Vor der Einsatzreife des Dialyseverfahrens ab Mitte des 20. Jahrhunderts war die seinerzeit noch unausgereifte Nierentransplantation die einzige Möglichkeit das Leben eines Menschen mit Nierenversagen zu retten. Da bis zu diesem Zeitpunkt auch die Wartezeit auf ein passendes Spenderorgan nicht mittels Dialyse überbrückt werden konnte, gab es auch dementsprechend weniger Patienten, die für eine Nierentransplantation in Betracht kamen.

Die Idee, Organe zu ersetzen, war im Zeitraum von 1880 bis 1930 zwar allgemein akzeptiert und wurde als die ideale Therapie angesehen, sie scheiterte aber an der praktischen Umsetzung. Nach 15 Jahren Forschungsstillstand von 1930 bis 1945 gewann die Nierentransplantation erst nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs wieder an Aufmerksamkeit.

In den Jahren 1950 bis 1953 wurden einige Nierentransplantationen zwischen genetisch unterschiedlichen Personen vorgenommen. Die Entwicklung der Immunsuppressiva stand zum Zeitpunkt dieser Allotransplantationen noch am Anfang und so waren die Immunreaktionen der immunologisch unzureichend vorbehandelten Patienten heftig. Die meisten Organempfänger starben innerhalb von Tagen und einigen Wochen nach der Transplantation; ein Patient überlebte knapp sechs Monate.

Ende 1952 transplantierte Michon in Paris zum ersten Mal eine Lebendorganspende von einer Mutter auf ihren Sohn; dabei wurde die Niere in den Oberschenkel des Patienten transplantiert, da diese Stelle damals am geeignetsten erschien. Sie funktionierte 23 Tage lang, aber die Funktionsdauer eines Transplantats bis zu einem halben Jahr wurde allgemein als Beleg dafür genommen, dass die Nierentransplantation zur Behandlung terminaler Niereninsuffizienz geeignet war.

Am 23. November 1954 gelang Murray die erste Lebendtransplantation zwischen genetisch identischen Menschen in Boston. Dabei wurde die Niere eines eineiigen Zwillingsbruders erfolgreich ins Nierenbecken transplantiert. Diese Operation gilt als Meilenstein der klinischen Nierentransplantation, verlief sie doch erfolgreich und ohne Immunsuppression. Wie man dann erkannte, bot die Konstellation eines genetisch identischen Zwillingspaares die Erklärung für das Ausbleiben einer Immunreaktion. Der Patient verstarb neun Jahre später an einem Herzinfarkt.

Bis Mitte der 60er Jahre – die Erforschung von Medikamenten zur Immunabwehrunterdrückung stand noch am Anfang – betrug die Überlebensrate fünf Jahre nach dem Eingriff 95% bei eineiigen Zwillingen und 15% bei Nierentransplantaten von Verstorbenen. Die Ursachen für den geringen Erfolg bei genetischer Verschiedenheit waren:

Seit dem ersten Einsatz von Immunsuppressiva 1963 stieg die Zahl der Nierentransplantationen sprunghaft an. Waren zwischen 1950 und 1963 weltweit nur 153 Nierentransplantationen durchgeführt worden, so transplantierte man in den folgenden 18 Monaten insgesamt 300 Nieren.

In der Bundesrepublik Deutschland wurde die erste Nierentransplantation im November 1963 in Berlin durchgeführt.

Seit Anfang der 70er Jahre ist die Nierentransplantation als klinische Therapiemöglichkeit anerkannt und stellt zusammen mit dem Dialyseverfahren die wichtigste Therapie bei terminaler Niereninsuffizienz dar.